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Andreas Seltzer
Peter Funken
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Andreas Seltzer

Überblick, 98%

Otto Neurath, - seit der letzten Documenta hat dieser Name neue Farbe bekommen. Wer war Otto Neurath? 1882 wurde er in Wien geboren und 1945 ist er in Oxford gestorben. Er war Nationalökonom, Wirtschafts- und Wissenschaftshistoriker und gilt als Begründer der modernen Bildstatistik.

In enger Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern, etwa mit Gerd Arntz, hat er in Wien das erste Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum aufgebaut und von 1925 bis 1934 geleitet. In der Emigration entwickelte er. zusammen mit seiner Frau Marie, das ISOTYPE-Institut (International System of Typographical Picture Education). Dessen Ziel war es, mit Publikationen und Ausstellungen Wissen durch visuelle Mittel weiterzugeben, um "dadurch die Kluft zwischen den Völkern und Sprachgruppen zu verringern."

Im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum sah er den Ort für dieses Wissen: "Man kann Modelle des menschlichen Herzens bauen und den Pumpvorgang: im einzelnen demonstrieren. Wie aber soll man die Vorgänge innerhalb eines Gesellschaftskörpers zeigen, die Veränderungen der Klassenschichtungen, die Zirkulation des Geldes und der Waren, die Tätigkeit der Banken, die Zusammenhänge zwischen Geburtenziffer und Sterblichkeit? Auch hierfür sind Modelle möglich, graphische Darstellungen. Sie er- fordern aber weit mehr Entfernung von der Wirklichkeit, das heißt, sie stellen an den, der sie ausdenken soll, und an den Beschauer größere Anforderungen."
Fast sieht es so aus, als habe sich Neuraths Wunsch erfüllt, daß allen, die sich gleichsam im Vorübergehen über gesellschaftliche Fragen informieren wollen, ein großes Angebot zur Verfügung steht. Die Zeitungen, Illustrierten und Wochenmagazine sind mittlerweile von vielen über die Seiten gestreuten Statistiken geprägt, ja, oft scheinen die Artikel nichts anderes mehr zu sein, als Kommentare zu jenen Grafiken.

Werden mit ihnen die "Vorgänge innerhalb des Gesellschaftskörpers" klarer?, Machen sie im Umgang mit den Banken und Versicherungen selbstbewußter? Hat man mit ihrer Hilfe die Aktienkursschwunge der Börse oder die "Zusammenhänge zwischen Geburtenziffer und Sterblichkeit" begriffen? Kaum. Als überinformierter Konsument weiß man, daß die ewiggleichen Erhebungstorten und Umfragetürme, die mal höher, mal niedriger werden, als Wissensüberträger so unergiebig sind, daß auch ein lebhaftes Vorstellungsvermögen an ihnen scheitert. Selbstverständlich gilt das auch für die beliebte Kurve, die immer noch ein Hauptelement gängiger Bildstatistik ist. Neurath hatte allen Grund ,gegen den "Unsinn der Kurve" zu wettern: "Die Darstellung in Kurvenform hat ihren guten Sinn für die mathematische Behandlung von statistischen Erscheinungen, oft aber täuscht sie Wissenschaftlichkeit dem Beschauer vor, der hinter der Kurve etwas sucht, was gar nicht hinter ihr steckt. Die gesellschaftliche Wirklichkeit kennt keine kontinuierlichen Übergänge. Der realistische Blick leidet unter Kurvendarstellungen."

Daß Neurath für die Bildwerdung dieses Blicks sich der Mitarbeit bildender Künstler versicherte, war konsequent. Umgekehrt übten seine Projekte des anschaulichen Denkens aber auch auf Künstler, die, wie George Grosz meinte, nicht als "Formschneider des Nichts" agieren wollten, eine große Faszination aus.

Auch gegenwärtig, vorm Hintergrund wirtschaftlichen Niedergangs, weitersteigender Arbeitslosigkeit und rapider Verarmung des Mittelstandes, hat Neuraths Arbeit für eine jüngere Künstlergeneration neue Bedeutung bekommen, - was von der Wiedergewinnung jenes realistischen Blicks zeugen mag.

Zu ihr gehört, neben Andreas Siekmann, dessen vielteiliges Documenta-Projekt "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" der Erinnerung an Otto Neurath und Gerd Arntz gewidmet ist, Barbara Steppe mit ihren "Privaten Systemen".

Diese Systeme scheinen späte Ausbildungen des "form-follows-function"-Prinzips zu sein. Doch genauso wenig, wie das Neurath'sche Ideal des ersten Blicks, der die Komplexität eines politischen oder ökonomischen Vorgangs mit einem mal erfaßt, sich wirklich umsetzen ließ, genauso wenig rasch erschließen sich ihre Porträts, die aus Aktivitäts- und Passivitätsdaten der von ihr befragten Personen zusammengesetzt sind.

Zunächst sind diese Porträts konstruktivistisch anmutende Schauobjekte, denen der Vorname des Porträtierten individuellen. Nimbus gibt, - so wie jenes wegen seiner Wackligkeit berüchtigte Regal "Billy" von Ikea.

Freilich sind Barbara Steppes statistische Transformationen keine Soziographien, die den Porträtierten im Kontext seiner Herkunft, seines A1ters,seines Berufs, differenzieren. Ihre zum Farbfeld, Möbel und Architekturmodell mutierten Porträtierten haben keine Vergangenheit. Ihre Abbilder sind Kurzdatensammlungen, die in die Größenverhältnisse prozentualer Anteiligkeit und ins Gerüst subjektiver Farbzuordnungen gebracht wurden. Es geht hier jedoch nicht um eine farbanalytische Porträtmethode, wie sie etwa Johannes Itten für seine Bauhaus-Kurse entwickelte und die dem individuellen Erscheinungsbild des Porträtierten verpflichtet war. Hier ist eine empirische Methode ins Bild gesetzt, die vor allem vom Wunsch nach Systematik geprägt ist, - wobei die Namenstitel Gebrauchsanweisungen fürs Anschauen und Begreifen zu liefern scheinen.

Doch was sich etwa bei Mondrian und seinen Kompositionen aus dem Spätwerk, "London"(1940/42), "New York City"(1942), "Broadway Boogie-Woog1e"(1942), als nachvollziehbarer Reduktionismus präsentierte, das läßt sich vor Barbara Steppes Porträts nicht mehr über den Titel entschlüsseln.

Wie sind "Jürgen", "Mathilde" oder die Personen 3,4,5,6, zusammengesetzt? Sicher nicht aus jenen Ingredienzien, die der Volksmund den Kindern beim Erklären der Unterschiede zwischen den Geschlechtern nennt: "Woraus sind die kleinen Jungs gemacht? Aus Kanten und aus Ecken. Aus Mäusen und aus Schnecken. Und woraus sind die kleinen Mädchen gemacht? Aus Himbeer- und Vanilleeis, aus Bonbons und aus süßer Speis'."

Die von Barbara Steppe Porträtierten haben dies Stadium des Arcimboldesken längst hinter sich gelassen. Sie sind erwachsen und damit fit für die Verkörperung aller möglichen Meßdaten, mit denen der Erhebungshunger der Prognostiker und Meinungsforscher gefüttert werden will. In Barbara Steppes Umfragetafeln und Objekten erscheinen sie als Substrate der beim Schlafen, Kochen, Telefonieren, Grübeln, Fernsehen, Waschen, verbrachten Zeit. Professionelle Umfragespezialisten würden allerdings rasch herausbekommen, daß es hier um ein Spiel mit den Glaubwürdigkeitssuggestionen ihres Berufs geht, einer Tätigkeit, die ohnehin, wie Felix Keller in seiner "Archäologie der Meinungsforschung" anmerkt, nicht als ein in sich geschlossenes System begriffen werden kann. Denn es erweist sich als "Bestandteil einer breiter sozial verankerten Wissensform, deren Zentrum es nicht darstellt, sondern deren Rand es markiert: einen unpopulären, wegen seiner Unmöglichkeit zur methodischen Stringenz unreinen Rand. Dieser Rand verweist aber gerade dadurch auf eine andere Ordnung, in der politische Philosophie,
Humanwissenschaften, ja vielleicht ein breiterer common sense nach sinnhaft und sprechenden Subjekten suchen und nicht nach Zahlen."

Diese Aufzählung Kellers ist auch um eine Kunst zu erweitern, die die handelnden und sprechenden Subjekte ernst nimmt und, im Wunsch nach realistischen Porträts, sich auch neuer analytischer Verfahren bedient.

Barbara Steppe operiert von jenem "unreinen Rand" aus, von dem Keller spricht. Dabei braucht sie sich nicht um die Repräsentativität zu scheren, die noch jede öffentliche Umfrageaktion für sich beansprucht.

Ihr Material gewinnt sie in der Verkleidung des zeitmessenden Demographen, aber sie wechselt auch in die Rolle des Kriminalisten, der mit den gesammelten Beobachtungen und Indizien ein vorläufiges Modell der Tat herstellt. Dabei setzt sie, so hat man den Eindruck, jene künstliche Naivität ein, die der Soziologe Ulrich Oevermann in seiner, für das Bundeskriminalamt entwickelten Methodik der sequentiellen Analyse, als eine der möglichen undogmatischen Erkenntnisweisen empfiehlt.

Die Profile, die Barbara Steppe mit Hilfe dieser, Beweglichkeit und experimentelle Phantasie erfordernden Methodik erstellt, verdeutlichen Tätigkeitsorte des Privaten. Auch hier werden die Kurzcharakteristika, Selbstaussagen und die chronologischen Tagesabläufe ihrer Probanden in prozentuale Bestandteile zerlegt und die so gewonnenen Größenverhältnisse für die Grundrisse ihrer dreidimensionalen Modelle genutzt. Deren Außengrenzen haben die Proportionen der gängigen Möbel und Wohnschachteln. Ihr Inneres jedoch bildet nicht mehr die Perspektive des Architekten und Designers ab, sondern die des Bewohners und Benutzers.
Damit nähert sie sich dem in Otto Friedrich Bollnows Studie "Mensch und Raum" beschriebenen Ideal des richtigen Wohnens, in dem der Bewohner "die einzelnen Zimmer und Räume je nach ihrer Erreichbarkeit und ihrem inneren Zusammenhang in ein Netz konkret erfahrener Beziehungen bringt." Die Grenzen, in denen das Knüpfen solcher Beziehungen stattfindet, wären in Barbara Steppes Wohnstätten nicht fest.
Je nach Tätigkeitsänderung ihrer Bewohner könnten sie den neu gewonnenen Bedingungen Raum geben.
Mit dieser Möglichkeit erinnern sie an den Wohntraum, den einst Bruno Taut in seiner Schrift "Die Auflösung der Städte oder die Erde eine gute Wohnung"(1920) notierte:
"Im Prinzip eine Schachtel mit einem einzigen Wohnraum. Form je nach Wind, Sonne und Lage wechselnd. Homogene Wandteile immer anders zusammengesetzt. Wandlungsfähig ist das Haus wie der Mensch, beweglich und doch fest ..."
Der utopische Gehalt solcher Träume vom beweglichen Wohnen macht ihre Schönheit aus. Daß sie ihre Frische behalten, dafür sorgen Arbeiten, wie die, die Barbara Steppes "Privaten Systeme" versammeln.

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